Die WeihnactsGans
Die Weihnachtsgans regte sich. Ohne ihr Federkleid fröstelte Sieglinde, es gelang ihr einfach nicht sich durch den Tag zu schlafen. Ausserdem war das Holzgestell, auf dem sie lag, recht unbequem. Neben ihr lagen noch andere, aber ohne ihr Federkleid erkannte sie sie nicht. Was war das nur für ein Ort? Warum lagen sie hier, wie aufgebahrt? Warum waren sie alle nackt? Wo waren ihre Federn? Und kalt war es. Kälter als sie es gewohnt war. Ohne ein Fenster konnte sie auch nicht sehen, ob es geschneit hatte und woher der eisige Wind kam. Es war ungewohnt still in dem Raum, nur ein kaltes Surren von der Decke.
Sieglinde schaute sich um,ob die Anderen alle schliefen. Die meisten lagen stockstill, aber nachdem sich ihre Augen an das dumpfe Licht gewohnt hatten, sah sie eine Gans, ein paar Gänse weiter, deren Bauch eigenartig zitterte. Mit einem ganz feinen Schnattern, um die Anderen nicht aufzuwecken, versuchte sie, der Gans zu zeigen, dass sie wach war. Ihrer Grösse nach zu schätzen, war sie etwas älter. Langsam öffnete die Gans ihre Augen, und sie erkannte Heidelinde. Sieglinde war froh, eine Bekannte zu sehen, besonders eine, die sie immer bewundert hatte. Mit enormer Anstrengung gelang es Heidelinde ein Bein, und dann das zweite, unter dem schweren Körper hervorzuziehen. Bald stand sie, noch etwas wacklig, aber sie stand auf ihren Beinen. Sieglinde versuchte es auch, und langsam, langsam standen beide aufrecht auf dem Holzbrett. Das Rumoren hatte die anderen Gänse geweckt, und Kopf nach Kopf hob sich und Bein nach Bein wurde hervorgezogen. Da standen sie nun und schauten verwirrt um sich her. Die meisten zitterten vor Kälte. Dann setzte ein zaghaftes Schnattern ein, zuerst ganz leise, doch dann wurde es lauter und lauter. Die Gänse beklagten sich über die Kälte und fürchteten um ihr Federkleid. Niemand konnte verstehen, wo sie waren und warum. Einige von ihn erzählten schreckliche Geschichten von Gerupftwerden, andere konnten sich an nichts erinnern.
Durch ihr Schnattern konnten sie sich auch ohne Federn erkennen. Alle waren mit ihr auf dem Hof gewesen. Dort hatte strenge Ordnung geherrscht. Heidelinde, war die Anführerin gewesen und verlangte auch hier Respekt von den Anderen. Auch ohne Federkleid war sie immer noch imposant. Sieglinde war an zweiter Stelle gestanden und durfte direkt hinter Heidelinde den Gänsemarsch anführen. Erst dann kamen Rosamunde, Karolina und Josefina. Mariechen, nach ihrer Mutter Maria genannt, war das Nesthäkchen und wurde von allen verwöhnt. Mit lautem Geschnatter versuchten sie nun vom Gestell herunterzukommen. Ohne Federn konnte sie nicht fliegen, und es war ein dumpfes Plumpsen, mit dem die Gänse auf den Boden klatschten.
Das Tor war zu. Heidelinde hatte einen Spalt entdeckt zwischen der Wand und dem unförmigen Tor. Sie fing an ihren Schnabel hineinzustecken und befahl den Anderen, es ihr gleich zu tun. Die Wand war alt, und der Mörsel hatte sich an ein paar Stellen schon aufgelöst. Schnell hatten sie mit ihren Schnäbeln ein Loch gebohrt, dann fiel ein Ziegelstein heraus und bald ein weiterer. Es war Nachmittag, bis es gross genug war, dass wenigstens Mariechen sich durchquetschen konnte. Gleich wollten die Anderen wissen, was sie denn sah. Es war nicht ihr gewohnter Hof, auch keine Wiese, nur harter grauer Boden, ein paar grosse Gebäude, aber in der Ecke war ein Misthaufen, das konnte sie sehen.
Zuerst waren es die jüngeren, kleineren Gänse, die es durch das Loch schafften. Es war schon Abend, als Heidelinde - wie ein guter Kapitän das sinkende Schiff – als letzte den eisigen Raum verliess. Müde waren sie nun alle und heftiger Hunger plagte sie. Der Misthaufen gab nicht viel her, aber Mariechen, die immer Neugierige,hatte einen Sack entdeckt. Es war ein Sack, wie ihn der Bauer auf dem Hof gehabt hatte. Aus dem hatte er mit einer grossen Kelle Futterkörner geschöpft und hingestreut. Mit ihren scharfen Zähnchen hatten sie bald ein Loch gemacht und Körner ergossen sich auf dem Boden. Fürs erste konnten sie ihren Hunger stillen. Aber sie brauchten einen geschützten Ort für die Nacht. Ohne Federn würden sie die kalte Nacht nicht überleben. Rosamunde entdeckte einen Strohhaufen neben dem Mist, und alle krochen hinein, deckten sich mit Stroh zu, und Körper an Körper hielten sich gegenseitig warm. So gut und tief hatten sie schon lange nicht geschlafen.
Das Morgenlicht kam, ein eisiger Wind durchquerte den Hof. Sie mussten dringend Federn für ein neues Federkleid auftreiben. Schnatternd hielten sie Rat. Heidelinde war die einzige Gans, die lesen gelernt hatte, und sie erinnerte sich an ein dreckiges Flugblatt, das sie einmal auf dem Hof gefunden hatte.
Darin stand etwas von 'Federn ankaufen für Federdecken und Federkissen.' Sie hatte sich darunter nichts vorstellen können. Aber jetzt fragte sie sich, ob der Bauer dort ihre Federn hingebracht hatte? Aber wo war das? Wie konnten sie den Ort finden? Trübsal machte sich breit. Mariechen erinnerte sich, dass ihre Mutter selig ihr von einem Weihnachtsengel erzählt hatte. Nicht, dass die Mutter ihn je gesehen hatte, aber sie hatte von ihrer Mutter gehört, dass der Weihnachtsengel Menschen in Not hielf. Und Gänsen? Würde er auch ihnen helfen? Es war die einzige Möglichkeit, sie mussten einen Weg finden, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Grossmutter hatte noch etwas gesagt von ‘beten,’ aber was hiess ''beten'? Und wie betet man? Sie beschlossen ihren liebsten Gänsegesang so laut wie möglich zu singen. Vielleicht würde der Weihnachtsengel sie dann hören. Heidelinde gab den Ton an, recht tief, sodass nur die älteren mitsingen konnten. Aber bald kamen die hellen Stimmen der jüngeren Gänse dazu, und zusammen sangen sie einen Kanon, der von Liebe und Wärme erfüllt war. Nie hat ein Gänsekanon schöner geklungen. Weit klang er durch die kalte reine Nacht. Gänse in andern Ländern hörten den Gesang ihrer Schwestern; Menschen hörten ihn und fragten sich was die bewegenden Töne seien. Langsam ging den Gänsen der Atem aus, und eine Gans nach der andern hörte auf zu singen und legte sich hin.
Der Wind, jedoch, trug den Gesang weiter und weiter, an grossen und kleinen Wolken vorbei, bis in den Himmel hinauf zum Weihnachtsengel, der sich gerade für das Fest der Liebe vorbereitete. Es waren wunderbare Stimmen, und doch durchwehte Wehmut und Traurigkeit den Gesang. Das verwunderte den Engel. Wer war es, der zur Weihnachtszeit nicht froh sein konnte? So beschloss der Engel zu sehen, woher der Gesang kam. Er legte seine Flügel an und folgte dem immer leiser werdenden Gesang. Und dann sah er sie. Zu seinem Erstaunen waren es Gänse, die dalagen ohne wärmendes Federkleid auf dünnem Stroh. Nur gut hatte er seine grössten Flügel angezogen. Er breitete sie aus soweit er konntes und bedeckte so die ganze Schar. Leise summte er ihre Melodie. Im Schutz der Flügel wurden den Gänsen warm, und sie fühlten sich sicher, wie ehemals im Stall auf dem Hof. Sie träumten von einer Wiese mit fettem hohen Gras und vielleicht ein paar jungen Schnecken. Dort wo der Flügel des Engels sie liebevoll berührte, wuchs ihnen Federchen - erst eins, dann noch eins und noch eins. Bald waren ihre nackten Körper mit Federn bedeckt. Vorsichtig, um die Gänse nicht zu erschrecken, hob der Engel seine grossen Flügel, warf einen letzten Blick auf die friedlich schlafenden Gänse, hob sie wieder an, und leicht wie ein Schmetterling flug er sanft in die Morgendämmerung. Ohne den schützenden Mantel wachten die Gänse auf, erstaunt standen sie auf, bewunderten ihr neues Federkleid und schüttelten und prusteten sich.
Der Weihnachtsmorgen wurde heller. Nur mit scharfen Augen konnte man den grossen Engel langsam in den Himmel steigend sehen. Heidelinde sah ihn als erstes. Jetzt wussten sie, dass ihr Gesang erhört worden war, und dass es der Weihnachtsengel gewesen war, der ihnen die neuen Federn verliehen hatte. Sie hoben ihre Flügel an und siehe da, sie konnten wieder fliegen. Heidelinde zuerst, dann Sieglinde mit Mariechen, dann Karolina, Rosamunde und Josefina, sie alle hoben ihre Flügel und flogen hinauf zu den Wolken, wo sie den Weihnachtsengel verschwinden sehen konnten.
Der Flug war weit, weiter als sie je geflogen waren. Auf der grössten Wolke stand ein Thron, ein goldener. Der Weihnachtsengel sass dort und freute sich über die Besucher. Die Gänse hätten ihm gern ein Geschenk überreicht, um ihre Dankbarkeit zu zeigen. Aber sie hatten nichts. So stimmten sie zum Dank ihren Gesang an. Sie sangen von all dem Schönen in der Welt, und manchmal auch Traurigem, von Rettern in der Not. Sie sangen und sangen. Ihre Stimmen füllten den Himmel. Bald kamen kleine und grosse Engel von überall her und stimmten mit ein in den Gesang.
Der Weihnachtsengel, die vielen Engel und auch die Gänse - alle waren sich einig - das war das schönste Weihnachtsfest, das sie je gefeiert hatten
