Von Aussen
Ich muss so fünf Jahre alt gewesen sein. Das blonde Haar, hatte ich, soviel
ich von alten Bildern weiss, in kurzen Zöpfen. An die Kleider, und es waren
Kleider, nicht Hosen, kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiss, dass es
Sommer war, als sich diese kleine Geschichte zutrug. Die Kinder spielten in
einem von alten Bäumen beschatteten Garten, und ich lehnte am Zaun und
schaute zwischen den verwitterten Latten den Kindern zu.
Zu der
Zeit - es war in den spät 40igern in Süddeutschland - gab es keinen
offiziellen Kindergarten. Eingeschult wurde mit 6, vorher gab es nichts.
Dieser Kinderhort hier wurde privat von der Kirche geführt.
Die
Kinder rannten herum, sie lachten und schrien, und ich stand und beobachte
das Treiben. Nach ein paar Tagen, meldete sich die Hortfrau bei meiner
Mutter. Sie erzählte ihr, dass ich jeden Nachmittag am Zaun stünde und wie
sie meinte, sehnsüchtig hinein schaute. Meine Mutter, die den ganzen Tag in
der Fabrik als Zuschneiderin arbeitete, war überrascht. Sie hatte gemeint,
ich sei bei der Grossmutter. Ich glaube, sie fühlte sich beschämt, dass sie
davon nichts wusste. Die Hortfrau fuhr fort und erklärte ihr, dass die
Kirche auch Flüchtlingen aus dem Sudetenland, wie wir es waren, Zugang
gewähren könnte. Sie würde mit dem Pfarrer reden, ob die Kirche den
Beitrag streichen würde, damit die kleine Heidrun auch ohne Bezahlung in den
Kinderhort dürfe. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich als kleines Mädchen
spüren konnte, dass sich meine Mutter in ihrem Stolz verletzt fühlte, und
doch bin ich mir sicher. Selbstverständlich, sagte meine Mutter, könne sie
sich den Beitrag leisten. Sie hatte nur nicht gewusst, dass ich gehen
wollte. Also, durfte ich in den Kinderhort.
Ein paar vage
Erinnerungen habe ich – an die dünnen Matten auf die wir uns nach dem Essen
legen mussten zum Schlafen, und dass ich nicht schlafen konnte oder wollte.
Auch an Babies, die in diesem Hort waren und gefüttert werden mussten. Ich
glaube, ich durfte ab und zu dabei helfen. Aber an spielen mit den anderen
Kindern kann ich mich nicht erinnern.
Jedenfalls meldete sich die
Hortfrau ein paar Wochen später wieder bei meiner Mutter. Sie müsse mich
wieder herausnehmen. Ich stünde Tag für Tag in einer Ecke und weinte. Auch
von dem hatte meine Mutter nichts gewusst. Ich hätte ihr immer erzählt, dass
es mir gefalle.
Meine Mutter nahm mich aus dem Kinderhort. Und
wieder stand ich am Zaun und schaute hinein.
In gewissen Situationen
erwische ich mich heute noch, draussen zu stehen und von aussen zuzuschauen.
Aber es ist jetzt mit dem Schmerz und der Scham verbunden, nicht dazu
gehören zu dürfen.