Nicole

    

                                Von Aussen

 

 

Ich muss so fünf Jahre alt gewesen sein. Das blonde Haar, hatte ich, soviel ich von alten Bildern weiss, in kurzen Zöpfen. An die Kleider, und es waren Kleider, nicht Hosen, kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiss, dass es Sommer war, als sich diese kleine Geschichte zutrug. Die Kinder spielten in einem von alten Bäumen beschatteten Garten, und ich lehnte am Zaun und schaute zwischen den verwitterten Latten den Kindern zu.

 Zu der Zeit - es war in den spät 40igern in Süddeutschland - gab es keinen offiziellen Kindergarten. Eingeschult wurde mit 6, vorher gab es nichts. Dieser Kinderhort hier wurde privat von der Kirche geführt.

Die Kinder rannten herum, sie lachten und schrien, und ich stand und beobachte das Treiben. Nach ein paar Tagen, meldete sich die Hortfrau bei meiner Mutter. Sie erzählte ihr, dass ich jeden Nachmittag am Zaun stünde und wie sie meinte, sehnsüchtig hinein schaute. Meine Mutter, die den ganzen Tag in der Fabrik als Zuschneiderin arbeitete, war überrascht. Sie hatte gemeint, ich sei bei der Grossmutter. Ich glaube, sie fühlte sich beschämt, dass sie davon nichts wusste. Die Hortfrau fuhr fort und erklärte ihr, dass die Kirche auch Flüchtlingen aus dem Sudetenland, wie wir es waren, Zugang gewähren könnte. Sie würde mit dem Pfarrer reden, ob die Kirche den

Beitrag streichen würde, damit die kleine Heidrun auch ohne Bezahlung in den Kinderhort dürfe. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich als kleines Mädchen spüren konnte, dass sich meine Mutter in ihrem Stolz verletzt fühlte, und doch bin ich mir sicher. Selbstverständlich, sagte meine Mutter, könne sie sich den Beitrag leisten. Sie hatte nur nicht gewusst, dass ich gehen wollte. Also, durfte ich in den Kinderhort.

Ein paar vage Erinnerungen habe ich – an die dünnen Matten auf die wir uns nach dem Essen legen mussten zum Schlafen, und dass ich nicht schlafen konnte oder wollte. Auch an Babies, die in diesem Hort waren und gefüttert werden mussten. Ich glaube, ich durfte ab und zu dabei helfen. Aber an spielen mit den anderen Kindern kann ich mich nicht erinnern.

Jedenfalls meldete sich die Hortfrau ein paar Wochen später wieder bei meiner Mutter. Sie müsse mich wieder herausnehmen. Ich stünde Tag für Tag in einer Ecke und weinte. Auch von dem hatte meine Mutter nichts gewusst. Ich hätte ihr immer erzählt, dass es mir gefalle.

Meine Mutter nahm mich aus dem Kinderhort. Und wieder stand ich am Zaun und schaute hinein.

In gewissen Situationen erwische ich mich heute noch, draussen zu stehen und von aussen zuzuschauen. Aber es ist jetzt mit dem Schmerz und der Scham verbunden, nicht dazu gehören zu dürfen.