Nicole

 

Handschriftliches

 

Ein unscheinbares graues abgegriffenes Register, nicht viel grösser als ein Schulheft, mit vorgegebenen Zeilen. Darauf fein säuberlich von Hand geschriebene Namen: Vor- und Nachnamen und Adressen. Darunter auch meiner, Heidrun Simon, der meiner Mutter, Edith Simon-Altmann und meiner Grossmutter, Adeline Altmann. Ich war ein Jahr alt, meine Mutter 23, meine Grossmutter in ihren 40igern. Das Register dokumentiert unseren ‘Transport’ von der Tschechoslovakei nach Deutschland im Februar 1946.

‘Transport’ ist ein so schönes wertfreies Wort. Transportiert werden auch Kohle, Weizen, Holz. Und das auf ähnliche Art. In Bahnwagons, die nach der Beladung verriegelt, und erst am designierten Ankunftsort zur Entladung wieder geöffnet werden. Ich war zu klein für Erinnerungen. Die Bilder, die ich in mir trage, sind aus Wörtern meiner Mutter entstanden. Meine Grossmutter hätte einen schmerzhaften ‘Umlauf’ am Daumen – eine Entzündung ihres Nagelbetts - gehabt. Ich sei sehr ‘brav’ gewesen und hätte kaum geweint. Ein paar mal pro Tag hätte der Zug angehalten, die Türen seien geöffnet worden, und die Menschen – nur wurden sie nicht als solche behandelt – hätten ihre Notdurft begleitet vom Gelächter der Soldaten erledigen müssen. Mehr weiss ich nicht.

Unser Transport war ein Teil der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus ihren angestammten Gebieten im Osten, Norden und Westen der Tschechoslovakei. Das Benes (der damalige Präsident) Dekret von 1945 stellte die legale Basis für die Deportation von ungefähr 3 Millionen Menschen und deren Enteignung dar. Dies sollte auf ‘humane Weise’ geschehen.

Die Geschichte hingegen erzählt von Todesmärschen und Vergewaltigungen. Im Vergleich dazu war unser Transport human. Mit der Enteignung ging daher, dass nur das Nötigste mitgenommen werden durfte. Wertvolles wie Schmuck war unter Todesdrohung verboten. Der Schmuck wurde in das Futter von Mänteln genäht. Der Kinderwagen mit mir drin wurde aufs Äusserste beladen. Die Strassen im Februar waren mit hohem Eis durchfurcht, bald brach die Achse des Kinderwagen. Wie verzweifelt die zwei Frauen gewesen sein müssen, war immer noch Jahre später in der Stimme meiner Mutter zu hören. Sie hatten ihr Leben hinter sich gelassen und das Wichtigste in einen Kinderwagen gepackt. Die paar Habseligkeiten waren, was ihnen blieb für eine ungewisse Zukunft. Wie sie es schafften, hat mich immer mit Bewunderung gefüllt. Ich hätte meine Mutter gern mehr gefragt, später als ich mir ein paar Stückchen meiner Vergangenheit zusammengebastelt hatte, aber die Fragen wühlten sie zu sehr auf, und ich wollte sie nicht weinen sehen. In meiner Kindheit fiel das Wort ‘Krieg’ so oft, dass es mir Angst machte, und ich so wenig wie möglich hören wollte. Ich hörte sowieso genug. Im Auffangslager, über 20 in einem Raum, kroch ich zwischen amputierten Füssen und Krücken herum. ‘Durch die Pfützen am Boden’ wie meine Mutter sagte. Sie hätte mir dann ‘Jeans’ genäht, die sie mir aus Männerhosen heraus geschnitten hatte. Alle hätten mich gern gehabt, ich sei ihr Sonnenschein gewesen, immer hätte ich gelacht und sie aufgeheitert.

Mein Vater hatte immer von ‘Glück’ gesprochen. Und es war ‘Glück’, dass er von unserem Transport erfahren hatte. Zu der Zeit war er in Deutschland stationiert und durch Zufall, oder vielleicht Bestechung, hatte er herausgefunden auf welchem Transport wir waren. So war er vor Ort als wir ankamen. Obwohl wir in dem Lager ein paar Jahre waren, hab ich keine Erinnerung daran.

Dafür eine Photographie von meinem ersten Schultag. Ich halte eine grosse, spitzige, farbige Tüte mit Süssigkeiten - das traditionelle Geschenk am ersten Schultag - und stehe zwischen meiner Mutter und meinem Vater. Sie lächeln stolz in die Kamera. Ich lächle auch, aber mit Zahnschmerzen und dicker Backe. Wir stehen unten an der Treppe von unserem Zuhause. Das Zuhause im oberen Stock sind zwei Zimmer, eine ehemalige Kornkammer. Wie alle im Dorf, war der Bauer gezwungen worden, Platz für die Vertriebenen zu schaffen. Da er nicht von uns ‘kontaminiert’ werden wollte, vermauerte er den Zugang zu seinem Haus und stellte eine Metalltreppe aussen an die Hauswand. Unter uns war der Schweinestall. Der Abort war ein Häuschen beim Misthaufen. Ich weiss, dass ich Angst hatte, im Dunklen dorthin zu gehen. Im Winter, wenn die Treppe eisig war – die warme Luft von den Schweinen legte sich als Eis auf das Metall – fiel ich oft die Treppen hinunter. Ich bin immer noch überängstlich, wenn ich lange Treppen hinuntergehe.

Der Eintrag hatte uns zu Flüchtlingen gemacht. Ich lernte schnell, dass ‘Flüchtling’ nicht ein nettes Wort war. Flüchtlinge hatten in der Bäckerei, der Molkerei immer wieder hinten anzustehen, bis es nichts mehr gab. Statt Milch, machte mir meine Mutter einen Brei aus Mehl und Wasser. Statt dem ‘Äppele’, den ich mir erbettelte, bekam ich eine rohe Kartoffel. Ich war 4, mein Bruder 6 Monate, als er an Brechdurchfall erkrankte. Eigentlich nichts Lebenbedrohendes. Nur der Arzt weigerte sich ‘die Schweine aus der Tschechei’ zu behandeln. Es gab keine Verkehrsmittel ins nächste Spital. Mein Vater ‘organisierte’ (das gängige Wort für Tauschgeschäfte) einen 5-Tonnen Lastwagen, mit dem er meine Mutter und Bruder nach Ulm fuhr, eine Stunde Fahrt. Amerikanischen Soldaten hatten eine Strassensperre errichtet. Weil er English sprach, hatte mein Vater wieder ‘Glück’ und sie durften weiter fahren. Sie erreichten das Spital, Minuten zu spät, mein Bruder starb.

Ich konnte meine Mutter nie fragen, wie sie das alles verkraftete. Ihr Bruder – der ihr ein und alles war – wurde mit 18 in den Krieg eingezogen, und 3 Wochen später als ‘gefallen’ gemeldet. Ein paar Monate später, ihr Vater war nicht einmal 50, starb er an ‘gebrochenem Herzen, ’ wie sie sagte. Sie war schwanger, als ihr Mann in Russland war. Zur Zeit der Geburt lag er in einer Erholungsanstalt für verwundete Soldaten, wurde anschliessend wieder eingezogen, kam in Deutschland in amerikanische Kriegsgefangenschaft, und war entlassen worden, als unser Transport in Deutschland ankam.

Ich, meinerseits, hatte auch ‘Glück’ gehabt, als mir einfiel meinem Sohn, er muss um die 16 gewesen sein, ein Tonband mitzugeben, als mein Vater vor seiner Geschichtsklasse ‘einen kurzen Abriss’, - wie er es nannte - von seiner Kriegserfahrung gab. Mein Vater hatte gerade sein Studium in Wirtschaft angefangen, als er eingezogen wurde. Bei der Selektionierung hätte der Offizier darauf geachtet, dass die Männer ohne jegliche Bildung bei der FLAK – der Flugabwehrkanone – komplexe Berechnungen aufstellen mussten, während die mit Abitur für die Tierbetreuung zuständig waren. Mein Vater, der ‘noch nie ein Pferd von der Nähe gesehen hatte’, musste das Pferd seines Offiziers bis an die Adria führen, ‘zu Fuss!’ Niemand durfte aufsitzen, ‘die Pferde mussten für den Kampf geschont werden’, so der Befehl. In Griechenland verlegte er Kommunikationskabel, was sehr angenehm gewesen sei. Von dort ging es dann direkt nach Russland. Es war es Winter, und die Soldaten hatten dafür keine Ausrüstung. Sie gruben sich in Gräben ein. ‘Als wir dann zum ersten mal Feindkontakt hatten, haben sich nicht wenige von uns in die Hosen geschissen.’ Weder die deutschen Soldaten, noch die Russen wollten aufeinander schiessen, aber dann sahen sie, wie die russischen Soldaten von ihren Offizieren mit Revolvern angetrieben wurden. Später, schon auf dem Rückzug, ging mein Vater allein zurück in ein Gebäude, in dem sein Offizier sein Fernglas zurückgelassen hatte. Russische Soldaten hatten in der Zwischenzeit das Gebäude besetzt, und aus der Dunkelheit zielten sie auf meinen Vater. Direkt aufs Herz. Die Kugel prallte jedoch am Metall des Fernglases ab; die nächste ging glatt durch seinen Arm. Wieder hatte er ‘Glück’ – in dem Moment als er das Gebäude verliess, kam ein Motorrad der deutschen Armee vorbei und brachte ihn ins Lazarett. Er wurde notdürftig behandelt und in einen Zug verfrachtet, der die verwundeten Soldaten zurück in die Heimat transportierte. Während der Fahrt, entwickelte mein Vater furchtbare Schmerzen in der Brust. Zum Erstaunen der Mitverwundeten, bestand er darauf auszusteigen. Zum nächsten Lazarett waren es Kilometer, und kein Fahrzeug. Aber er hatte ‘Glück’, weil der verbliebene Chirurg sofort erkannte, dass mein Vater Wundbrand hatte. Er punktierte die Brust und rettete so sein Leben.

Das Tonband behüte ich wie einen Schatz. Mein Vater ist seit Jahren tot. Ich bin berührt von seiner Stimme, die ironisch - ohne Drama - über Erlebtes spricht. Die Aufzeichnung zeigt keinen Helden, aber einen Mann, der versuchte schadlos und ohne anderen Schaden zuzufügen, durch den Krieg zu kommen. Jemand, der nie Hass für irgendeine Seite entwickelte, aber Verständnis.

Ich bin mir bewusst, es war nicht der Eintrag ins Register, der unsere Vertreibung auslöste. Mir aber die Deportation von drei Millionen Mitmenschen vorzustellen, geht über mein Vorstellungsvermögen. Der handgeschriebene Eintrag mit unseren Namen, macht das Dekret fassbar. Was mir fehlt ist das Gesicht. Wer war die Person, die unsere Namen so pedantisch und sauber auf die vorgegebenen Zeilen geschrieben hatte? War es eine alte oder junge Hand, ein Mann oder eine Frau? Was hat sich die Person dabei gedacht? Vielleicht war sie nur darauf bedacht, ja keine Schreibfehler zu machen. Mit Tinte gab es keine Möglichkeit der Korrektur. Konnte sie ahnen, was für Folgen die Namenseintragungen hatte? War sie vielleicht auch ein Flüchtling und hatte keine Wahl? Ich werde es nie wissen.

Das Register war später in die Hände meiner Grosstante gefallen. Sie hatte es mir gezeigt, bestand aber darauf, dass wir es dem Museum für Sudetendeutsche in München überliessen. Warum ich aber nicht wenigstens eine Kopie der Seite machte, ist mir bis heute schleierhaft. Wie konnte ich? Ein Versäumnis. Und doch, wenn es wirklich so ein Verlust ist, warum habe ich mich nicht in den Zug gesetzt und bin nach München gefahren? Im Grunde, denke ich, will ich diesen Teil meines Lebens als abgeschlossen betrachten. Ich will nicht mehr an einer Vergangenheit rütteln, die beim Durchforsten wieder schmerzt.

Dies auf Papier gebracht zu haben, befreit mein Gedächtnis. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken. Ich kann in meinen Garten gehen und mich in den Pflanzen verlieren.