Süsser Tanz
Also das habe ich ihm ganz klar gesagt: ’Egal an wieviel einladenden Schalen mit Süssigkeiten ich vorbeigehe, ich werde keinen einzigen Mars Riegel für dich mitnehmen, obwohl ich weiss, dass du sie liebst. ‘Ever since I was a child ’ sagte mein Mann mit tiefer Inbrust, obwohl das nun schon lange her ist. Immerhin ist er jetzt 86.
Und das kam so. In meinem Tanz Studio auf der Theke stand eine Glas Schale voll mit Süssigkeiten. Darunter auch Mars Riegel. Und weil ich ja wusste, wie gern mein Mann sie hatte, schnappte ich mir einen Riegel. So etwas würde ich nie essen - viel zu süss und dann kleben sie noch an den Zähnen! Meinem Mann hingegen, kann nichts süss genug sein, und nachdem er sowieso alles gleich schluckt, ohne gross zu kauen, haben die Mars Riegel gar keine Zeit an seinen Zähnen zu kleben!
Das war die vorletzte Stunde. Tasche, hatte ich keine dabei, also steckte ich den Riegel in einen Tanzschuh. Zuhause angekommen, machte mich eilig daran, das Abendessen zuzubereiten. Es war schon 7 und ich hatte riesen Hunger. Vorbereitet war nichts, mein Mann sass selbstvergessen vor seinem Computer. Kochen hat ihn leider interesssiert! Nicht dass er darauf besteht, dass ich ständig koche; wenn ich mich beschwere sagt er ‘I’ll take you out for a pizza’. Aber ich will nicht ausgehen, wenn ich gerade verschwitzt nach Hause gekommen bin! Also schmiss ich die Schuhe – samt schon vergessenem Mars Riegel – mit Schwung in den Kasten. Ich goss mir ein Glas Wein ein, nahm ein Schlückchen und machte mich ans Eieraufschlagen für eine Omelette. Mit dem zweiten Schluck, gratulierte ich mir, dass ich es in der Stunde recht gut gemacht hatte, besonders beim kompliziert gewordenen Quick Step. ‘Nicht schlecht für eine fast 81jährige!’ und gönnte mir einen dritten Schluck Negroamaro.
Dann kam die letzte Tanzstunde. Ich weiss nicht warum, aber ich schaff es nie, irgendwo frühzeitig anzukommen. Immer fällt mir noch etwas ein, das ich noch schnell erledigen kann. Und wenn dann auf dem Weg eine Baustelle ist, wird es knapp. Die Schuhe in der Hand, rannte ich in den Tanzraum. Die anderen Damen standen schon schwätzend an ihren Lieblingsplätzen. Schnell zwängte ich mich in meine schwarzen Tanzschuhe. Irgendwie kam ich schlecht rein – was ich der Eile zuschrieb - und die Einlagen waren auch so komisch, aber ich murkste mich hinein, ich war drin und tanzbereit.
Ich liebe den Aufwärmetanz. Ich kenne den Ablauf und muss nicht ständig denken, was kommt jetzt. Ich kann mich auf die Musik und die Bewegung einlassen, meine Arme und Beine spüren und meine andere Welt hinter mir lassen. Entspannung pur. Als nächstes kam der Quick Step, fast ein Charleston – mein Lieblingstanz als ich jung war. Die jazzige Musik ging direkt in die Beine, ich legte ich mich so richtig rein, auch die Schrittfolge machte mir keine Mühe. Dann kam der Salsa, die Choreo hatte ich wieder vergessen, und musste gut aufpassen, dass ich meine Co-Tänzerin nicht durcheinander brachte. Der Tango, als nächster, fiel mir wieder leichter, weil man so schön mit den Füssen schleifen kann. Doch ich merkte, dass mein Tanzhirn müde wurde und die Schrittfolge recht viel Aufmerksamkeit verlangte. Als letzter, wie immer, der Abschlusstanz – so wohl verdient: entspannende Musik, bekannte Bewegungen. ‘Es hat Spass gemacht!’ sage ich zu Susi, der Instruktorin, und umarmte sie.
Schon war die Stunde vorbei und alle beeilten sich nach hause zu kommen. Also schnell Tanzschuhe ausziehen. Nur irgendwie war das nicht so einfach, mit dem Herauskommen aus dem Schuh, der linke Socken klebte im Schuh, und mein Fuss kam ohne ihn heraus. ‘Das mach ich dann daheim in Ruhe’, sagte ich mir und schlüpfte barfuss in den linken Strassenschuh.
Zuhause musste ich diesmal nur Reste vom Vortag aufwärmen. Wunderbar, schnell duftete es nach Gulasch und ich musste nur den Tisch decken und uns ein Glas Wein einschenken. Leider wartete der Schuh auch nach dem Essen noch auf mich, mit dem Socken drin.
Eigentlich ist es ein Tango Tanzschuh. Ich hatte mir den Schuh gekauft, als mein Mann und ich noch mit viel Enthusiasmus einen argentinischen Tangokurs besuchten. Irgendwann gaben wir den dann auf, weil der Tanz ständig schwieriger wurde und wir gleichzeitig älter. Nur das eine mal, als der Instruktor mit mir tanzte, und ich spüren konnte, wie ein Tango sein könnte, da öffnete sich mir eine Wunder Welt. Er führte mich so sicher, meine Füsse berührten den Boden kaum. Ich schwebte! Ich war im Tangohimmel! Leider ist es meinem Mann und mir nie gelungen, aus dem Zählen der Schritte herauszukommen und uns dem Tango so hinzugeben. Der Everdance ist deshalb für mich eine gute Alternative. Nur zum Schweben langts nicht ganz!
Weil der Schaft des Schuhs hoch ist, war es nicht möglich ihn weit genug aufzumachen, um zu sehen, warum der Socken - schwarz wie die Innenseite des Schuhs – drin zu kleben schien. Ich probierte es mit einem Schraubenzieher, dann einem flachem Messer, nichts half. Aber dann bemerkte ich etwas Klebriges am Messer. Es war braun und zäh und roch süss. Jetzt erkannte ich es - der Mars Riegel, oder was von ihm noch übrig war!
‘Nur, wie bring ich den eingeklebten Socken heraus?’ KI war überfordert. Nur meine Schwester nicht. ‘Probiers doch mit Dampf!’ sagte sie am Telefon. Der Wasserkocher brauchte nur ein paar Minuten und voller Hoffnung hielt ich den Schaft des Schuhs über den dampfenden Ausguss, vorsichtig mich nicht zu verbrennen. Wunder über Wunder - langsam, langsam löste sich der Socken heraus. Die so verflüssigte Masse liess sich nun leicht herausreiben. Gerettet!
Statt mich zu loben, fand mein Mann das eine furchtbare Vergeudung eines guten Mars Riegels! ‘Du hast kein Verständnis für die feineren Dinge im Leben!’ Dieser Vorwurf hatte mir gerade noch gefehlt, und so kam es zu dem Versprechen am Anfang meiner Geschichte.
Etwas Gutes hat die Sache doch noch. Besonders im Alter sei es sehr wichtig, wird gepredigt, immer wieder etwas Neues zu probieren. Und ich muss sagen, ich kenne wirklich niemand, der eine Stunde auf einem Mars Riegel getanzt hat! Wahrscheinlich hat das Guiness Book of Records nicht einmal eine Kategorie dafür!