Nicole

 

                                                      Bergwanderung 

 

‘Oh,’ flüsterte sie, ‘ich glaube ich habe die falsche Ausrüstung dabei. Meine Schuhe sind nicht wasserdicht und meine dünne Jacke schon garnicht. Vielleicht könnten wir kurz bei mir vorbeifahren, damit ich eine regenfeste Jacke und Schuhe hole.’

Es passte ihm gar nicht. Sie waren jetzt schon spät dran, und die Wanderung, die er geplant hatte, war über 3 Stunden. Und Mittagessen wollte er mit ihr in einer Hütte, die ihm Freunde empfohlen hatten. Aber verderben mit ihr wollte er es auch nicht. Sie war immer noch recht kühl . Irgendwie liess sie sich auf kein Gespräch mit ihm ein, ihre Antworten waren kurz. Zu kurz um daraus  einen Faden zu spinnen. Sie zum umgarnen, schien schwieriger, als er es sich vorgestellt hatte.  Es blieb ihm nichts übrig, als ihren Instruktionen zu folgen sie dort abzusetzen wo sie es wünschte. Es war ein kleiner älterer  Block am Fluss in einer Strasse, die er nicht kannte. Sie wäre in ein paar Minuten zurück, meinte sie.

Jetzt da sie weg war, konnte er sich endlich eine Zigarette anzünden, nach der er schon lange lechtzte. Er öffnete beide Fenster, damit sie nichts bemerkte. Aus der einen,  wurden zwei, dann drei Zigaretten. Nach der vierten fand er einen Parkplatz, stieg aus und lief zum Block, um bei ihr zu läuten. ‘Was fällt der eigentlich ein?’ sagte er sich. ‘Mich  so lange warten zu lassen. So hübsch ist sie nun auch wieder nicht!  Obwohl, das musste er sagen,  ihr Postürchen war doch recht sexy. Wie sie da im Auto gesessen hatte, mit gekreuzten Beinen!

Langsam ging ihm die Geduld aus. Er suchte nach der Glocke unter ihrem Namen. Nur fand er den Namen nicht, auch keinen ähnlichen. Aber er hatte ja gesehen, wie sie die Haupttür aufschloss. Hatte sie ihm einen falschen Namen gegeben? ‘Verdammte Frechheit, das.’ Nun war er stinksauer. Wenn er dachte, wieviel er für die Wanderausrüstung ausgegeben hatte, nur weil sie geschrieben hatte, Wandern sei ein Hobby von ihr. Dabei  hasste er Wandern.

Die junge Frau hatte die Haupttür aufgeschlossen und war im  Gebäude verschwunden, genau, wie er es beobachtet hatte.  Ihre Mutter hatte in dem Block gewohnt und war vor drei Monaten verstorben. Auch sie hatte einen Schlüssel, den niemand  von ihr  eingefordert hatte.  Schnell durchquerte sie  das Foyer, schloss den Hinterausgang auf, und schon war sie auf der Parallelstrasse hinter dem Block. Unbemerkt konnte sie zur ihrer Wohnung laufen, ein paar Strassen weiter auf der anderen Seite.  Mit jedem Schritt fühlte sie sich leichter. Sie konnte kaum warten, die Treppen hoch zu fliegen, ihre Wohnungstür aufzuschliessen, um sie gleich wieder hinter sich zu verriegeln.  Wie im Film,  wenn es hart auf hart geht, goss sie  sich ein Glas Cognac ein. Wärmend lief es den Hals hinunter, ihre angespannten Glieder entspannten sich. Sie würde jetzt ein heisses Bad nehmen, sich die Haare  waschen -  sie musste sich diesen Typen unbedingt aus den Haaren waschen!   Vielleicht würde sie dann ihren  Ex anrufen, er hatte doch gesagt,’ wir könnten ja wieder einmal etwas zusammen trinken.’ Mal sehen, ob er sich gemeldet hat. Wo ist eigentlich mein Telefon? Nicht in der Jackentasche!  Wann hatte sie es eigentlich zum letzten Mal in der Hand? Stimmt, es war ihr im Auto aus der Jacke gerutscht und unter den Sitz gefallen. Sie hatte vor, es beim nächsten Stopp hervor zu fischen, aber dann vergass sie es in der Eile.   ‘Verdammt nochmal,’ entfuhr es ihr laut, ‘dann liegt das Telefon immer noch im Auto dieses Typen!  Verdammte Sch………..’   

Und unser getrickster Liebhaber?  Verärgert und hässig setzte er sich ans Steuer, gab zünftig  Gas und fuhr direkt in die nächste Polizeikontrolle. Leider hatte der Polizist kein Verständnis für seine Geschichte mit der Frau -  die Busse war heftig. Ungewohnt langsam kutschierte er nach Hause. Stellte das Auto in der Tiefgarage ab, die Wanderausrüstung liess er drin – die würde er zurück in den Laden bringen. Mit dem Lift fuhr er hoch in seine Wohnung. Ohne die Schuhe, die Jacke  auszuziehen goss er sich ein Glas Whiskey ein, ein grosses diesmal, das hatte er verdient. Wärmend lief der Alkohol den Hals hinunter, langsam entspannten sich seine Glieder. Er würde ein Bad nehmen, sich noch ein Glas genehmigen, und vielleicht gabs ja noch Billette für den Fussballmatch heute Nachmittag.  Toll, wie er immer wieder das Beste aus einem verschissenen Tag machen konnte.  Die Frau konnte ihn!   So ein mieses Stück!   Die Garage sollte er aber noch anrufen, irgendetwas stimmte mit dem Käfer nicht, unter dem Beifahrersitz war so ein komisches Klappern!

Er schlief tief und fest in jener Nacht, mit dem wunderbaren Gefühl, eine unleidige Geschichte zu einem zufriedenstellenden Abschluss gebracht zu haben. Bei ihr brauchte es etwas länger. Sie grübelte der Frage nach, wie sie ihr Telefon zurück bekam, ohne ihn wiedersehen zu müssen.  Dann fiel ihr das Schildchen auf dem Handschuhfach mit dem Namen seiner Garage wieder ein.  Der Name  war ihr geblieben,  ihre erste Liebe hiess so.  Als es angefangen hatte zu regnen, hatte der Typ  etwas gesagt von Winterrreifen , die jetzt dann fällig wären. Warum nicht die Garage anrufen,  sagte sie sich, mit irgendeiner Geschichte und der Bitte, das Telefon herauszunehmen wenn das Auto bei ihnen war für den Reifenwechsel und ihr zu berichten. Mit einem fetten Finderlohn, war sie sich sicher, würde das schon klappen. Jetzt musste sie nur noch ein bisschen Geduld haben!  Bei diesem beruhigenden Gedanken, schlief auch sie bald tief und fest.