Bergwanderung
‘Oh,’ flüsterte sie, ‘ich glaube ich
habe die falsche Ausrüstung dabei. Meine Schuhe sind nicht wasserdicht und
meine dünne Jacke schon garnicht. Vielleicht könnten wir kurz bei mir
vorbeifahren, damit ich eine regenfeste Jacke und Schuhe hole.’
Es passte ihm gar nicht. Sie waren
jetzt schon spät dran, und die Wanderung, die er geplant hatte, war über 3
Stunden. Und Mittagessen wollte er mit ihr in einer Hütte, die ihm Freunde
empfohlen hatten. Aber verderben mit ihr wollte er es auch nicht. Sie war
immer noch recht kühl . Irgendwie liess sie sich auf kein Gespräch mit ihm
ein, ihre Antworten waren kurz. Zu kurz um daraus einen
Faden zu spinnen. Sie zum umgarnen, schien schwieriger, als er es sich
vorgestellt hatte. Es blieb ihm nichts übrig, als ihren
Instruktionen zu folgen sie dort abzusetzen wo sie es wünschte. Es war ein
kleiner älterer Block am Fluss in einer Strasse, die er nicht
kannte. Sie wäre in ein paar Minuten zurück, meinte sie.
Jetzt da sie weg war, konnte er sich
endlich eine Zigarette anzünden, nach der er schon lange lechtzte. Er
öffnete beide Fenster, damit sie nichts bemerkte. Aus der einen, wurden
zwei, dann drei Zigaretten. Nach der vierten fand er einen Parkplatz, stieg
aus und lief zum Block, um bei ihr zu läuten. ‘Was fällt der eigentlich
ein?’ sagte er sich. ‘Mich so lange warten zu lassen. So
hübsch ist sie nun auch wieder nicht! Obwohl, das musste er
sagen, ihr Postürchen war doch recht sexy. Wie sie da im Auto
gesessen hatte, mit gekreuzten Beinen!
Langsam ging ihm die Geduld aus. Er
suchte nach der Glocke unter ihrem Namen. Nur fand er den Namen nicht, auch
keinen ähnlichen. Aber er hatte ja gesehen, wie sie die Haupttür aufschloss.
Hatte sie ihm einen falschen Namen gegeben? ‘Verdammte Frechheit, das.’ Nun
war er stinksauer. Wenn er dachte, wieviel er für die Wanderausrüstung
ausgegeben hatte, nur weil sie geschrieben hatte, Wandern sei ein Hobby von
ihr. Dabei hasste er Wandern.
Die junge Frau hatte die Haupttür
aufgeschlossen und war im Gebäude verschwunden, genau,
wie er es beobachtet hatte. Ihre Mutter hatte in dem Block
gewohnt und war vor drei Monaten verstorben. Auch sie hatte einen Schlüssel,
den niemand von ihr eingefordert hatte.
Schnell durchquerte sie das Foyer, schloss
den Hinterausgang auf, und schon war sie auf der Parallelstrasse hinter dem
Block. Unbemerkt konnte sie zur ihrer Wohnung laufen, ein paar Strassen
weiter auf der anderen Seite. Mit jedem Schritt fühlte sie
sich leichter. Sie konnte kaum warten, die Treppen hoch zu fliegen, ihre
Wohnungstür aufzuschliessen, um sie gleich wieder hinter sich zu verriegeln.
Wie im Film, wenn es hart auf hart geht,
goss sie sich ein Glas Cognac ein. Wärmend lief es den
Hals hinunter, ihre angespannten Glieder entspannten sich. Sie würde jetzt
ein heisses Bad nehmen, sich die Haare waschen - sie
musste sich diesen Typen unbedingt aus den Haaren waschen! Vielleicht
würde sie dann ihren Ex anrufen, er hatte doch gesagt,’ wir
könnten ja wieder einmal etwas zusammen trinken.’ Mal sehen, ob er sich
gemeldet hat. Wo ist eigentlich mein Telefon? Nicht in der Jackentasche!
Wann hatte sie es eigentlich zum letzten Mal in der Hand? Stimmt, es
war ihr im Auto aus der Jacke gerutscht und unter den Sitz gefallen. Sie
hatte vor, es beim nächsten Stopp hervor zu fischen, aber dann vergass sie
es in der Eile. ‘Verdammt nochmal,’ entfuhr es ihr laut,
‘dann liegt das Telefon immer noch im Auto dieses Typen! Verdammte
Sch………..’
Und unser getrickster Liebhaber?
Verärgert und hässig setzte er sich ans Steuer, gab zünftig
Gas und fuhr direkt in die nächste Polizeikontrolle. Leider
hatte der Polizist kein Verständnis für seine Geschichte mit der Frau -
die Busse war heftig. Ungewohnt langsam kutschierte er nach
Hause. Stellte das Auto in der Tiefgarage ab, die Wanderausrüstung liess er
drin – die würde er zurück in den Laden bringen. Mit dem Lift fuhr er hoch
in seine Wohnung. Ohne die Schuhe, die Jacke auszuziehen
goss er sich ein Glas Whiskey ein, ein grosses diesmal, das hatte er
verdient. Wärmend lief der Alkohol den Hals hinunter, langsam entspannten
sich seine Glieder. Er würde ein Bad nehmen, sich noch ein Glas genehmigen,
und vielleicht gabs ja noch Billette für den Fussballmatch heute Nachmittag.
Toll, wie er immer wieder das Beste aus einem verschissenen Tag
machen konnte. Die Frau konnte ihn! So ein
mieses Stück! Die Garage sollte er aber noch anrufen,
irgendetwas stimmte mit dem Käfer nicht, unter dem Beifahrersitz war so ein
komisches Klappern!
Er schlief tief und fest in jener
Nacht, mit dem wunderbaren Gefühl, eine unleidige Geschichte zu einem
zufriedenstellenden Abschluss gebracht zu haben. Bei ihr brauchte es etwas
länger. Sie grübelte der Frage nach, wie sie ihr Telefon zurück bekam, ohne
ihn wiedersehen zu müssen. Dann fiel ihr das Schildchen
auf dem Handschuhfach mit dem Namen seiner Garage wieder ein.
Der Name war ihr geblieben, ihre erste
Liebe hiess so. Als es angefangen hatte zu regnen, hatte der
Typ etwas gesagt von Winterrreifen , die jetzt dann
fällig wären. Warum nicht die Garage anrufen, sagte sie sich,
mit irgendeiner Geschichte und der Bitte, das Telefon herauszunehmen wenn
das Auto bei ihnen war für den Reifenwechsel und ihr zu berichten. Mit einem
fetten Finderlohn, war sie sich sicher, würde das schon klappen. Jetzt
musste sie nur noch ein bisschen Geduld haben! Bei diesem
beruhigenden Gedanken, schlief auch sie bald tief und fest.